Lesedauer: 8 Minuten
Frau Liu, Shenzhen ist in den letzten Jahrzehnten mit atemberaubender Geschwindigkeit gewachsen, hat mittlerweile fast 20 Millionen Einwohner und ist Chinas drittgrößte Wirtschaftsregion. Da ein derart rasantes Wachstum nicht vorhersehbar war, musste die Infrastruktur kontinuierlich angepasst werden. Wie groß sind die Herausforderungen, die sich daraus ergeben?
Geschwindigkeit bestimmt die Stadtentwicklung in China. Die Planung scheint fast ausschließlich von Fünfjahresplänen bestimmt zu sein, wobei in der täglichen Arbeit der Kommunalverwaltungen kaum langfristig gedacht wird. Anstatt den Infrastrukturbedarf fünf oder zehn Jahre im Voraus zu antizipieren, reagieren die Behörden oft erst, wenn die Kapazitätsgrenzen erreicht sind. Entscheidungen werden häufig in letzter Minute getroffen, sodass keine Zeit für eine sinnvolle Beteiligung der Bevölkerung bleibt.
Die Kläranlage im Honghu-Park ist ein typisches Beispiel dafür. Sie wurde aufgrund der dicht besiedelten Nachbarschaft notwendig, aber erkannt wurde dies erst, als sich die Situation schon zugespitzt hatte. Nachdem sich die Regierung für den Bau entschieden hatte, schrieb sie einen technischen Wettbewerb für Ingenieurbüros aus. Was folgte, wurde als »Gemeindezustimmungsverfahren« bezeichnet, aber in Wirklichkeit gab es keine echte Zustimmung der Öffentlichkeit. Da der Standort im Herzen eines alten Stadtviertels liegt, reagierten die Anwohner empört. Abwasseranlagen werden allgemein als unangenehm und störend empfunden, und die Menschen erwarteten Verbesserungen ihres Lebensumfelds – keine industrielle Infrastruktur. Die Proteste führten zu einer Unterbrechung des Planungsprozesses. Schließlich verlegten die Behörden die Anlage unter die Erde, damit sie nicht mehr sichtbar war. Dieser Trial-and-Error-Ansatz ist in China sehr typisch: Projekte werden so lange vorangetrieben, bis der Widerstand zu groß wird.
Der Klimawandel verändert grundlegend, wie Städte mit Wachstum und Infrastruktur umgehen müssen. Was bedeutet das für die Planung und Gestaltung in Shenzhen?
In der Praxis bleibt das System fast vollständig top-down, wobei jede Behörde, sei es das Bau- und Planungsamt oder das Grundbuchamt, vertikal organisiert ist und es kaum eine abteilungsübergreifende Koordination gibt. Die Anpassung an den Klimawandel erfolgt weitgehend reaktiv.
Ein deutliches Beispiel dafür ist der Bezirk Luohu am Shenzhen-Fluss. Im September 2023 überschwemmte ein schwerer Sturm große Teile des alten Stadtviertels. Erst nach der Katastrophe erkannten die Behörden die Notwendigkeit, die Infrastruktur zu modernisieren. Oftmals führt auch die Lösung eines Problems dazu, dass an anderer Stelle ein neues entsteht. Der Klimawandel und das Katastrophenrisiko werden passiv angegangen – und, offen gesagt, unzureichend.
Die Wasserinfrastruktur ist besonders sensibel. Kläranlagen sind oft unbeliebt. Wie werden die Anwohner einbezogen und wie kann die Unterstützung der Öffentlichkeit gewonnen werden?
Die Infrastrukturplanung erfolgt auf Landesebene und umfasst in der Regel keine Konsultation der Bevölkerung. Grundsätzlich sind vor der Genehmigung eines Projekts eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) und eine öffentliche Bekanntmachung erforderlich. In der Praxis werden die Gemeinden jedoch selten informiert, und bei dringenden Projekten kann mit dem Bau begonnen werden, bevor die UVP abgeschlossen ist. Rechtlich sind Anhörungen der Bevölkerung nur dann erforderlich, wenn dies von einer übergeordneten Behörde vorgeschrieben ist, und die Landesbehörden sind nicht verpflichtet, die Zustimmung der Öffentlichkeit einzuholen.
Da nach wie vor Vorurteile gegenüber Abwasseranlagen bestehen, sind die Bedenken der Bevölkerung verständlich. Erst wenn der Widerstand groß wird – wie im Honghu-Park – beginnen Verhandlungen, und selbst dann meist erst in einem späten Stadium. In diesem Fall machte die Verlegung der Anlage unter die Erde – eine Strategie nach dem Motto »aus den Augen, aus dem Sinn« – die Infrastruktur im Alltag weitgehend unsichtbar. Das bildete die Grundlage für unseren gestalterischen Eingriff.
Ihr Büro arbeitet unter anderem an solchen Ingenieurprojekten. Wie sind Sie dazu gekommen und wie sieht Ihr Ansatz aus?
Chinas Wasserbauinstitute arbeiten innerhalb eines streng vertikalen Systems. Sie entwickeln einen Plan, legen ihn dem Planungsamt zur Genehmigung vor und beantragen dann eine Baugenehmigung beim Bauamt. Das System berücksichtigt nicht, dass Infrastrukturprojekte je nach Standort unterschiedliche Auswirkungen haben: Eine Wasseraufbereitungsanlage in einem dicht besiedelten Stadtviertel betrifft die Anwohner viel direkter als eine Anlage in einer ländlichen Gegend. Wasserwirtschaftsinstitute neigen dazu, alle Standorte gleich zu behandeln und sich ausschließlich auf die technische Leistungsfähigkeit zu konzentrieren, während Planungsämter die Auswirkungen auf die Stadt berücksichtigen. In mehreren Fällen – darunter auch im Honghu-Park – wurden wir erst hinzugezogen, nachdem die Projekte auf öffentlichen Widerstand gestoßen und die Genehmigungen gestoppt worden waren. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, dass Architekten die Interessen der Anwohner sowie der gesamten Stadt berücksichtigen müssen.
Eine vergleichbare Situation ergab sich entlang der 3.5 Kilometer langen Neugestaltung des Pingshan-Flussufers. Die Aufgabe umfasste die Aufwertung des Flusses, die Gestaltung der umgebenden Landschaft und die Integration einer Wasseraufbereitungsanlage und ihrer zugehörigen Einrichtungen. Dies erforderte eine koordinierte Strategie hinsichtlich Raumplanung, Umwelt und Städtebau. Das Ingenieurbüro, das den Wettbewerb gewonnen hatte, erkannte seine eigenen Grenzen und lud uns ein, mitzuwirken. Es hatte verstanden, dass Architekten und Landschaftsarchitekten für den Erfolg des Projekts unerlässlich waren. Auf diese Weise werden wir oft in groß angelegte Infrastrukturprojekte eingebunden – wenn technische Systeme mit dem städtischen Leben zusammentreffen und einen umfassenderen, integrierten Planungsansatz erfordern.
Wie ist die Beteiligung der Einwohner in Shenzhen geregelt? Welche formellen Verfahren gibt es zur Lösung umstrittener Projekte?
Verschiedene Projekte beinhalten unterschiedliche Grade der Beteiligung, und es gibt keine ausdrückliche gesetzliche Verpflichtung zur Einbeziehung der Bevölkerung. Die Einwohner werden nicht offiziell zur Teilnahme an der Planung eingeladen. Sie erfahren oft erst kurz vor Baubeginn von den geplanten Kläranlagen in ihrer Nähe. In einigen Fällen haben Einwohner direkt an den Bürgermeister geschrieben und eine Umsiedlung beantragt.
Aus Sicht der Regierung verbessern diese Projekte die öffentliche Infrastruktur und die Umweltbilanz, sodass Widerstand oft unerwartet kommt. Architekten und Landschaftsarchitekten werden selten in die frühe Planungsphase einbezogen. Erst wenn der Widerstand stark wird, kommt der Prozess zum Stillstand – manchmal für mehrere Jahre wie im Fall des Honghu-Parks. Wenn Architekten schließlich doch hinzugezogen werden, konzentriert sich unser Hauptbeitrag in der Regel auf die ästhetische Qualität, den sogenannten »Face Value«.
Ihr Büro hat an den Projekten »Lotus Water Culture Base« im Honghu Park und »Pingshan Terrace« gearbeitet. Wer hat Ihr Büro damit beauftragt?
Die beiden Projekte hatten unterschiedliche Vergabestrukturen. Pingshan Terrace war ein Direktauftrag des städtischen Planungsinstituts nach einer Ausschreibung. Gemeinsame Werte hinsichtlich des öffentlichen und sozialen Nutzens der Infrastruktur ermöglichten einen reibungslosen Ablauf des Planungs- und Bauprozesses.
Im Falle des Honghu-Parks hat das Planungsamt unsere Beteiligung angestoßen, aber unser Vertrag wurde mit dem Wasserbauinstitut unterzeichnet, das den Wettbewerb bereits gewonnen hatte. Das Wasserversorgungsamt hatte die Bedeutung des Parks innerhalb des historischen Stadtkerns von Luohu nicht vollständig erkannt. So empfahl das Planungsamt unsere Beteiligung, weil es unserem Ansatz in Bezug auf die öffentliche Wahrnehmung und die Anliegen der Gemeinde vertraute.
Sie sind relativ spät zu diesen Projekten gestoßen. Wie verlief die Zusammenarbeit mit dem Ingenieurbüro?
Die Zusammenarbeit war eine Herausforderung. Viele Wasserbehörden glauben, dass technische Lösungen allein ausreichen und betrachten Architektur und Landschaftsgestaltung oft als reine Oberflächendekoration. Unser Ansatz besteht darin, zunächst die technische Logik, die Einschränkungen und Prioritäten zu verstehen. Nur dann kann das Design sinnvoll in die technischen Systeme integriert werden und diese verbessern, anstatt sie einfach nur zu überdecken.
Haben Sie direkt mit den Anwohnern und ihren Anliegen zu tun gehabt?
Das hängt von der Art des Projekts ab. Bei Projekten zur Stadterneuerung haben wir gemeinsam mit der Bezirksverwaltung und der Dorfverwaltung die Gemeinden besucht und Meinungen eingeholt, die in die Entwürfe eingeflossen sind. Bei Infrastrukturprojekten hingegen findet in der Regel kein Dialog mit der Gemeinde statt; die Verhandlungen beschränken sich auf Grundstückseigentümer und Rechtsinhaber.
Im Honghu-Park beschränkte sich die Beteiligung weitgehend auf die Regierungsbehörde, den Investor und die leitenden Ingenieure. Als wir in einer späteren Phase als Designteam hinzukamen, kommunizierten wir mit den Betreibern und Endnutzern, um die Parknutzungsbereiche zu optimieren. Dies sollte nicht als reproduzierbares Modell angesehen werden, da die Prozesse von Fall zu Fall unterschiedlich sind.
Welche Lehren haben Sie aus diesem Prozess gezogen?
Architekten und Landschaftsarchitekten sollten von Anfang an einbezogen werden und bei komplexen Projekten mit Ingenieuren zusammenarbeiten. Eine frühzeitige Kommunikation mit allen Beteiligten ist unerlässlich, um Projekte auf den richtigen Weg zu bringen und später kostspielige Anpassungen zu vermeiden. Eine klare Kommunikation ist sowohl für die Effizienz als auch für den Erfolg von entscheidender Bedeutung.
Man würde erwarten, dass Architekten eine führende Rolle spielen, doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Haben Sie Verbesserungsvorschläge?
Ja, aber es ist entmutigend. Die Architekturausbildung in China ist nach wie vor schwach, was die Integration verschiedener Wissensformen angeht. Architekten werden oft dafür kritisiert, dass sie sich mit strukturellen oder hydraulischen Systemen nicht auskennen, was ihren Einfluss auf die Ästhetik reduziert. Das Ingenieurwesen hat in China seit jeher die Bauindustrie dominiert, und diese Hierarchie ist tief verwurzelt.
Warum beschäftigen Sie sich mit diesen Themen?
Während meiner Beteiligung am Audi Urban Future Award 2010/11 war ich beeindruckt davon, dass ein deutsches Unternehmen wie Audi Architekten mit Verkehrsinfrastrukturprojekten beauftragte. In China waren Architektur und Verkehrswesen getrennte Disziplinen. Das Projekt hat mir gezeigt, dass Infrastrukturlösungen der Gemeinschaft dienen und als öffentlicher Raum fungieren sollten. Von der Konzeption bis zur gebauten Form sind viele Disziplinen beteiligt, aber letztendlich müssen Architektur und Raumgestaltung das Problem direkt angehen. Das ist das grundlegende Ziel der Architektur.
Titelbild: Zhangchao