Überspringen
Effizient – Aktuell – Individuell

Verschaffen Sie sich in kurzer Zeit einen aktuellen Überblick der rasanten Entwicklungen aus den Branchen der intelligenten Gebäudetechnik. Die Inhalte sind auf Ihre Interessen individualisierbar, neutral aufbereitet und von Expert*innen für Expert*innen.  

Energiepositives Powerhouse-Gebäude von Snøhetta

Energiepositiv bauen

02.03.2026

Die Powerhouses des norwegischen Architekturbüros Snøhetta produzieren mehr Energie, als sie über ihre Lebensdauer verbrauchen. Möglich machen dies verblüffend einfache Lowtech-Lösungen und leistungsstarke Solaranlagen, aber auch robustes Design und konsequente Abfallvermeidung.

Lesedauer: 4 Minuten

Netto-Null im Bauwesen bis 2050 reicht nicht: Um die Erderwärmung auf 1.5 Grad Celsius zu begrenzen, darf die Menschheit noch maximal 250 Milliarden Tonnen CO2 freisetzen.1  Doch beim aktuellen Tempo werden wir dieses Restbudget schon in wenigen Jahren aufgebraucht haben, womöglich bereits am Ende dieser Dekade.2 Reißen wir das Ruder nicht herum, steuern wir weltweit auf eine Erwärmung von 3 Grad zu. In der Schweiz, einem Hotspot des Klimawandels, sind die Durchschnittstemperaturen laut dem Klimawissenschaftler Reto Knutti von ETH Zürich schon heute um 2.9 Grad angestiegen.3 Der Schweizer Verein Countdown 2030 fordert darum, das Bauen bis 2030 klimaneutral zu machen.

Wie dieses Ziel erreicht werden könnte, zeigen die Powerhouses von Snøhetta: In Porsgrunn (2020), Trondheim (2019) und Sandvika bei Oslo (2014) hat das norwegische Architektenteam Bürogebäude gestaltet, die über ihren gesamten Lebenszyklus mehr grüne Energie erzeugen, als sie verbrauchen. Eingerechnet ist dabei der Energieaufwand, um Materialien zu gewinnen, Bauteile zu produzieren und einzubauen, für den Transport und schließlich auch für die Entsorgung. Klimapositiv sind auch die Montessorischule Drøbak (2018) und die im Bau befindliche Erweiterung des Studentenwohnheims Moholt in Trondheim (seit 2022).

Mit der Kraft der Sonne

Energie produzieren das Powerhouse Telemark der Immobilienfirma R8 Property in Porsgrunn und das Powerhouse Brattørkaia von Entra ASA in Trondheim mit großen Solaranlagen. Eine Herausforderung war das beim Bau in Trondheim, dem nördlichsten energiepositiven Gebäude der Welt. Denn die Stadt liegt auf dem 63. Breitengrad, der Sonnenstand schwankt saisonal extrem: An den längsten Sommertagen wird es nie ganz dunkel, zur Wintersonnenwende hingegen gibt es nur für 4.5 Stunden Tageslicht. Um die Sonneneinstrahlung optimal zu nutzen, neigten Snøhetta das rund 3000 Quadratmeter große Solardach gegen Süden und gaben ihm eine pentagonale Form. Die Solarmodule produzieren jährlich etwa 500'000 Kilowattstunden Strom – mehr als das Doppelte des Energiebedarfs des 18'000 Quadratmeter großen Büroblocks und genug, um die Nachbarhäuser und die Elektrobusse der Stadt zu versorgen. Tatsächlich übertrifft der Bau sogar das südlicher gelegene Powerhouse in Porsgrunn, dessen Solaranlage auf dem um 24 Grad geneigten Dach und an der Südfassade jährlich bis zu 256'000 Kilowattstunden Strom erzeugen kann – so viel wie 20 norwegische Durchschnittshaushalte verbrauchen.

Dass die Häuser eigentlich Solarkraftwerke sind, reicht aber noch nicht, um Snøhettas ehrgeizige Energieziele zu erreichen. Beim Powerhouse Telemark wurde der Energiebedarf um 70 Prozent gegenüber einem herkömmlichen Büroneubau gesenkt. Zum Heizen und Kühlen besitzt es 350 Meter tief gebohrte Erdwärmesonden. Um das Tageslicht maximal auszunutzen und möglichst selten die Beleuchtung einschalten zu müssen, besitzt das Haus verglaste Schlitze im Dach, durch die zusätzliches Licht in die obersten drei Stockwerke fällt. Das Interieur besteht aus hellen Materialien, um die Lichtausbeute zu verbessern. Holzlamellen vor der Fassade wirken im Sommer als Sonnenschutz und verhindern eine übermäßige Aufheizung der Räume. Sie sind so angeordnet, dass die flache Wintersonne trotzdem ins Gebäude dringt und es erwärmt. Das Trondheimer Powerhouse gewinnt zusätzlich Wärme aus dem Lüftungssystem zurück, Grau- und Meerwasser werden zum Heizen und Kühlen genutzt. In beiden Häusern dienen Bauteile aus speziellem CO2-reduzierten Beton als Speichermasse, sodass sie sich nur langsam aufheizen und die Wärme des Sommers nur allmählich wieder verlieren.

Abfall vermeiden

Entscheidend für eine gute Gesamtenergiebilanz ist das Vermeiden von Abfall und die Verwendung von gebrauchten Bauteilen und Einrichtungsgegenständen. Snøhetta wählten für das Powerhouse Telemark einheitliche Bürotrennwände und Fußböden, außerdem gestaltete das Architektenteam gleiche Teeküchen und Sanitärräume. Alle Oberflächen sind unverwüstlich und langlebig. Denn ziehen neue Mieter ein, sollen sie möglichst nichts verändern – so entsteht viel weniger Müll als in einem gewöhnlichen Bürogebäude. Sogar die Signaletik entwarfen Snøhetta selbst.

Für das Personalrestaurant und die Konferenzräume wurden skandinavische Designklassiker wieder flottgemacht: Der lokale Handwerksverband Grenland husflidslag polsterte alte Corona-Stühle des dänischen Möbelherstellers Erik Jørgensen neu auf und versah sie mit neuen Bezügen aus Restgarn der Wollfabrik Gudbrandsdalens Uldvarefabrikk. Das Mobiliar komplettieren reparierte City-Stühle des norwegischen Industriedesigners Øivind Iversen. Und die Rezeption im Empfangsbereich ist mit recycelten Fliesen der örtlichen Porzellanfabrik Porsgrunds Porselænsfabrik gestaltet.

Moderner Empfang mit Wendeltreppe im Bürogebäude
Offene Bürofläche mit Lounge und Arbeitsplätzen
Nachhaltiges Bürogebäude mit Holzfassade
Energiepositive Bürogebäude am Wasser bei Nacht

Klimapositiv umgebaut

Kein Neubau ist das Powerhouse Kjørbo: Snøhetta bauten zwei miteinander verbundene 1980er-Jahre-Büroblöcke in Sandvika zu Plusenergiehäusern um. Eine zusätzliche Dämmung und neue Fenster verhindern Wärmeverlust, Sensoren steuern Beleuchtung und Lüftung sowie die Heizungsanlage und die Gebäudekühlung. Neue Sonnenschutzrollos verhindern, dass sich die Räume im Sommer zu stark aufheizen, ohne passive solare Gewinne im Winter zu verhindern. Zusammen senken die Änderungen den Energiebedarf um 90 Prozent. Geheizt werden muss kaum noch: Wenige Radiatoren im Gebäudekern reichen bereits aus, um das Haus auch an kalten Wintertagen warm zu halten.

Eine neu installierte Solaranlage produziert bis zu 200'000 Kilowattstunden Strom jährlich. Ergänzt wird sie durch eine Wärmepumpe und eine Geotherme. So wird über einen Lebenszyklus von 60 Jahren gerechnet mehr Energie erzeugt, als für Bau, Sanierung, Betrieb und Abriss aufgewendet.

Auch beim Powerhouse Kjørbo achteten Snøhetta mit Blick auf die Umweltbilanz darauf, Abfall möglichst zu vermeiden. Die beim Umbau entfernten Glasfassadenplatten zum Beispiel wurden im Inneren wiederverwendet. Die jetzige Fassade besteht aus verkohltem Holz. Diese Handwerkstechnik half, den Energieaufwand für die Umbauarbeiten zu begrenzen, und erhält die vertraute dunkle Farbe der beiden Häuser. Außerdem ist das so behandelte Holz besonders widerstandsfähig gegen Fäulnis und Ungeziefer.

Snøhettas Powerhouses speisen überschüssige Energie ins Stromnetz ein, genutzt wird sie andernorts. Doch für die Zukunft wünscht sich das Architektenteam technische Möglichkeiten, um große Energiemengen in seinen Gebäuden zu speichern. Das macht auch deshalb Sinn, weil die Stromnetze vieler Länder, darunter auch Deutschland und die Schweiz, nicht auf eine hohe Zahl an Solareinspeisungen ausgelegt sind. Diese würde einen umfangreichen Ausbau der Verteilernetze erfordern.

Elias Baumgarten

Elias Baumgarten

Chefredakteur Swiss-, German- und Austria-Architects

Elias Baumgarten studierte Architektur an der Universität Innsbruck (LFU) und Architekturgeschichte an der ETH Zürich. Er forschte am Institut für Architekturtheorie der LFU und war von 2015 bis 2019 Teil der Redaktion der Architekturzeitschrift archithese. Seit 2019 ist er Chefredakteur der Online-Architekturmagazine Swiss- und Austria-Architects. 2024 übernahm er zusätzlich die Leitung der Redaktion von German-Architects.

Weitere Inhalte