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Urbane Skyline bei Nacht mit Lichtspuren des Verkehrs

Gebäudeautomation als Effizienztreiber

23.02.2026

Dr. Peter Hug, Geschäftsführer des Fachverbandes Gebäudeautomation im VDMA, zum Nutzen der modernen Gebäudeautomation, den aktuellen Herausforderungen und was es braucht, damit die sogenannte dritte Säule der Energiewende im Gebäudesektor sicher steht.

Lesedauer: 6 Minuten

Anna Moldenhauer: Was umfasst die Gebäudeautomation?

Dr. Peter Hug: Es geht um die Integration aller Mess-, Steuer- und Regeltechnik in Hardware und Software für Heizung, Klima und Lüftungstechnik, Aufzüge, Jalousien Licht und mehr. In großen Gebäuden können bis zu 40.000 und mehr Datenpunkte anfallen – vieles davon versteckt hinter Decken, im Keller oder auf dem Dach. Man merkt die Technik meist nur, wenn sie nicht funktioniert. Im Architekturstudium kommt Gebäudetechnik meiner Ansicht nach viel zu kurz. Auch Betreiber – etwa von Hotels – sind oft überfordert, wenn hohe Lasten durch Küchen, Wäschereien oder Ladeinfrastruktur entstehen. Ohne Energiemanagement drohen Überlastungen oder hohe Kosten. Durch neue gesetzliche Anforderungen wie denen zu steuerbaren Verbrauchseinheiten wird alles noch komplexer. Einfacher wird es nicht – aber spannend bleibt es.

Dr. Peter Hug
Dr. Peter Hug, Foto: VDMA

Bis 2026 muss die europäische Gebäuderichtlinie EPBD (Energy Performance of Buildings Directive) in nationales Recht umgesetzt werden. Deutschland liegt, ebenso wie andere Länder, im Verzug. Gleichzeitig gehört die Baubranche hierzulande zu den am wenigsten digitalisierten. Ist eine zeitnahe Umsetzung realistisch?

Dr. Peter Hug: Neben Belgien, Griechenland und Deutschland hinken auch weitere Länder bei der Umsetzung der neu aufgesetzten EPBD hinterher. Das liegt zum einen an politischen Rahmenbedingungen – etwa an Wahlversprechen wie "Wir schaffen das Heizungsgesetz ab". Zum anderen bestehen technische Herausforderungen: Welche Anforderungen sollen den Bürgerinnen und Bürgern zugemutet werden? Welche Inhalte trägt man nach außen? Die Diskussion wird derzeit stärker politisch als technisch geführt. Formell müsste die Umsetzung bis Mai 2026 erfolgen. Realistisch betrachtet wird das kaum zu schaffen sein.

Inwieweit kann künstliche Intelligenz heute bereits in der Gebäudeautomation genutzt werden?

Dr. Peter Hug: Ich habe oft den Eindruck, dass "Künstliche Intelligenz" bislang häufig vor allem ein Marketingbegriff ist, der komplexere Algorithmen beschreibt, aber nicht im eigentlichen Sinne KI darstellt. Künftig wird KI aus meiner Sicht vor allem zwei Bereiche prägen: Machine Learning auf Basis langer Datenreihen – hier kann KI aus historischen Daten lernen und dadurch den Gebäudebetrieb effizienter gestalten. Darüber hinaus Predictive Maintenance: Wenn sehr viele Datenpunkte vorliegen und eine Anlage nicht optimal läuft oder ausfällt, kann KI rückblickend Ursachen erkennen – und perspektivisch sogar vorhersagen, bevor Schäden auftreten. Genau da liegt der große Mehrwert gegenüber klassischen Algorithmen. Predictive Maintenance kann somit qualitativ auf ein neues Niveau gehoben werden.


Wir sind also auf dem Weg.

Dr. Peter Hug: Ja, aber noch nicht am Ziel. Die KI, die wir heute aus Chatbots oder Copiloten kennen, neigt zu Halluzinationen, wenn Informationen fehlen. Das müssen wir im Gebäude unbedingt vermeiden.

Modernes Großraumbüro mit energieeffizienter LED-Beleuchtung
Foto: LYCS Architecture, unsplash

Die Gebäudeautomation setzt um, was das Energiemanagement plant: Ein intelligentes Gesamtsystem überwacht den Verbrauch, erhöht die Effizienz, senkt Betriebskosten und Emissionen und steigert gleichzeitig den Komfort wie die Lebensdauer eines Gebäudes. Sehen Sie auch Risiken – etwa beim Datenschutz oder unbefugten Zugriffen in Systeme?

Dr. Peter Hug: Datenschutz spielt natürlich eine Rolle. Juristisch ist relativ klar geregelt, dass die erhobenen Daten, Personendaten ausgenommen, demjenigen gehören, der sie erhebt oder erheben darf. Die größere Herausforderung ist derzeit Datensicherheit, also Cybersecurity. Hier arbeiten wir kontinuierlich an Updates und Rahmenwerken, die ein Mindestmaß an Sicherheit garantieren. Für Nichtwohngebäude existiert bereits ein VDMA-Einheitsblatt. Gemeinsam mit dem ZVEI erweitern wir das derzeit auf Wohngebäude.

Laut einer Analyse des Borderstep Institut fehlt es an Wissen zum Kosten-Nutzen-Verhältnis, zur praktischen Anwendung und an Best-Practice-Beispielen. Was bietet der VDMA hier an – etwa in Form von Schulungen?

Dr. Peter Hug: Wir veranstalten alle zwei Jahre Roadshows und Workshops für Planerinnen und Planer, in denen wir aktuelle Entwicklungen und Neuerungen der Gebäudeautomation vermitteln. In diesem Jahr finden Veranstaltungen in Hamburg, Köln, Berlin und Nürnberg statt. Das Interesse ist groß – auch weil die Gebäudeautomation seit ihrer Erwähnung im Gebäudeenergiegesetz stärker im Fokus steht und für größere Nichtwohngebäude verpflichtend ist.


Würde es helfen, die Funktionen der Gebäudeautomation zu reduzieren?

Dr. Peter Hug: Was das Gebäudeenergiegesetz verlangt, ist vergleichsweise wenig. Es gibt weit mehr Möglichkeiten, Gebäude effizienter zu betreiben. Das Gesetz fordert vor allem die Erfassung, Speicherung und Analyse wichtiger Energieströme. Komplexer wird es erst, wenn man in die Räume hineinzoomt – etwa bei der Überprüfung von Raumluftkonditionierung im Rahmen der neuen EPBD. Aber der Nutzen rechtfertigt diesen Aufwand. Gebäudeautomation soll Arbeit abnehmen. Würden sich Nutzende immer regelkonform verhalten – Heizung abends aus, morgens an, keine gleichzeitige Kühlung und Heizung – bräuchte man weniger Automation. In großen Gebäuden ist das aber für einzelne Facility Manager unmöglich. Deshalb übernehmen automatisierte Einstellungen, Präsenzmeldungen oder Zeitsteuerungen diese Aufgaben. Kurz gesagt: Gebäudeautomation soll das Leben erleichtern, nicht verkomplizieren. Es geht darum, denselben Komfort zu bieten – aber mit geringeren Kosten. 

Smart-Building-Demo mit digitalem Energie-Monitoring auf Messe
Impression von der Light + Building: Smart Home Energy Control App, Foto: Jochen Günther, Messe Frankfurt Exhibition GmbH

Ein Argument für die Gebäudeautomation sind langfristige Einsparpotenziale trotz hoher Anfangskosten. Gleichzeitig gibt es das Nutzer-Investor-Dilemma, da Kosten nur begrenzt umlagefähig sind. Wie sehen Sie das?

Dr. Peter Hug: In Bürogebäuden zahlen die Nutzenden ihre Heiz- und Kühlkosten nicht selbst. Ihnen fehlt also der monetäre Anreiz, sparsam zu sein. Automation kompensiert genau das. Ich bin generell ein Befürworter von marktwirtschaftlichen Lösungen. Aber im Gebäudesektor – insbesondere bei Nichtwohngebäuden – fehlen diese Anreize. Hinzu kommt das Mieter-Vermieter-Dilemma: Der Eigentümer investiert, der Mieter spart. Darüber hinaus steht die Gebäudeautomation erst am Ende des Bauprozesses, wenn das Budget bereits weitgehend verplant ist. Und viele Menschen können sich die Wirkung von Dämmung leichter vorstellen als die Vorteile von Automation. Dabei zeigen Studien, dass Gebäudeautomation Energieeffizienzklassen um bis zu zwei Stufen verbessern kann – ein Potenzial, das oft unterschätzt wird. Deshalb ist es sinnvoll, dass der Gesetzgeber vorschreibt, dass in großen Gebäuden Daten verfügbar sein müssen. Wer ein Gebäude im Blindflug betreibt, kann nicht erwarten, dass es effizient funktioniert. Erst Daten ermöglichen Analyse und Benchmarking.

Wie verhält sich der Energieverbrauch im Vergleich zu dem Einsparpotenzial?

Dr. Peter Hug: Der Energieverbrauch der Steuerungstechnik ist im Vergleich zur eingesparten Energie minimal. Die Einsparungen übersteigen den Aufwand um ein Hundert- bis Tausendfaches. Das ist vielen nicht bewusst.


Die Gebäudeautomation ist eines der drei Fokusthemen der kommenden Light + Building, neben Living Light und Sustainable Transformation. Was sehen Sie als zentrale Aufgabe der Hersteller dort?

Dr. Peter Hug: Das Thema ist komplex und schwer "zum Anfassen" zu präsentieren, da es aus vielen Komponenten und viel Software besteht. Daher braucht es Informationsstände, Vorträge und Personal, das Inhalte verständlich vermittelt. Das Messepublikum besteht meist aus Fachleuten mit Grundwissen, die nach Innovationen suchen. Wir selbst haben eine kleine Bühne am WAGO-Stand. Dort präsentiert unsere Arbeitsgemeinschaft "BIM – Gebäudeautomation und Elektrotechnik" zahlreiche Vorträge. Besonders wichtig ist für uns das Thema BIM, also der digitale Zwilling, damit in der Planung nichts vergessen oder später weggekürzt wird.


Moderne Gebäudeautomation ist seit über 50 Jahren ein Thema für den VDMA. Wie hat sich der Bereich entwickelt?

Dr. Peter Hug: Aus Sicht der Industrie zu langsam. Über lange Zeit standen andere Themen im Vordergrund. Politik spricht oft zuerst über private Heizkeller, nicht über komplexe Nichtwohngebäude mit Heizung, Kühlung, Lichtsteuerung et cetera. Trotzdem war der Markt stabil: keine extremen Einbrüche, aber auch selten zweistellige Wachstumsraten. Gebäudeautomation hat eine lange Lebensdauer und betrifft nicht nur Neubauten, sondern auch den Bestand. Gerade dort lässt sich viel Effizienz gewinnen: Je ineffizienter ein Gebäude vorher war, desto größer das Potenzial.


Das klingt nach wissenschaftlicher Arbeit mit langem Atem.

Dr. Peter Hug: Wir befassen uns viel mit Studien. Unser europäischer Verband arbeitet eng zusammen, besonders mit den skandinavischen Ländern, die in diesen Themen oft deutlich weiter sind. Das hat uns geholfen, auf europäischer Ebene Fortschritte zu erzielen – manchmal trotz politischem Gegenwind aus Berlin.


Sie sind seit 17 Jahren für den VDMA-Fachverband tätig. Was motiviert Sie?

Dr. Peter Hug: Ich kann hier meine persönliche Haltung einbringen: Klimaschutz, Energieeffizienz und Kosteneinsparung durch Technik. Investitionen in der Gebäudeautomation amortisieren sich oft sehr schnell – manchmal innerhalb von wenigen Monaten. Solche positiven Botschaften zu haben macht Spaß. Der Verband lebt vom Austausch: Wettbewerber sitzen gemeinsam am Tisch und entwickeln langfristige Ziele, die im Unternehmensalltag hinter Quartalszahlen zurückstehen würden. Die Gebäudeautomation in der Europäischen Gebäuderichtlinie richtig zu platzieren hat sieben Jahre gedauert. Aber wenn es am Ende dem Klima und dem Geldbeutel der Gebäudenutzerinnen und -nutzer gleichzeitig dient, ist es ein schöner Erfolg. 

Titelbild: Marc Olivier Jodoin, unsplash

Anna Moldenhauer

Anna Moldenhauer

Chefredakteurin

Stylepark Magazin für Architektur und Design

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