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Smarte Pflegeeinrichtungen: Vernetzte Gebäude als Schlüssel für die Pflege der Zukunft

18.08.2026

Digitale Technologien können Pflegekräfte entlasten und die Lebensqualität von Bewohnern und Bewohnerinnen verbessern. Entscheidend sind dabei nicht Einzellösungen, sondern das Zusammenspiel vieler Systeme. Warum Konnektivität zur Grundlage moderner Pflege wird.

Lesedauer: 5 Minuten

  • Pflegeeinrichtungen stehen durch demografischen Wandel, steigende Kosten und Fachkräftemangel unter wachsendem Druck. 
  • Digitale Technologien können Pflegekräfte entlasten und Bewohnerinnen und Bewohner im Alltag unterstützen. 
  • Der größte Mehrwert entsteht nicht durch einzelne Sensoren, Apps oder Assistenzgeräte, sondern durch ihre Vernetzung in einem gemeinsamen System. 
  • Beispiele wie das Sozialwerk St. Georg und La Résidence La Roseraie zeigen, wie Sensorik, Licht, Sicherheit und Komfortfunktionen in Pflegegebäuden zusammenwirken können. 
  • Robotik kann Teil eines Smart-Care-Ökosystems werden, wenn sie mit Gebäudetechnik, Sensorik und Pflegeprozessen verbunden wird. 
  • Entscheidend ist eine frühe, integrierte Planung, damit Gebäudetechnik, digitale Systeme und pflegerische Abläufe nicht isoliert nebeneinanderstehen.

Der demografische Wandel1, steigende Pflegekosten2 und ein zunehmender Fachkräftemangel3 stellen Pflegeeinrichtungen in vielen Ländern vor enorme Herausforderungen. Gleichzeitig entwickelt sich das internationale Angebot an digitalen Assistenzsystemen, Sensorik und Smart-Building-Technologien rasant weiter.

Doch der eigentliche Mehrwert liegt nicht in einzelnen Technologien. Entscheidend ist ihre Vernetzung. Erst wenn Gebäude, technische Infrastruktur und digitale Anwendungen als integriertes System zusammenarbeiten, entsteht das Potenzial, Pflegeprozesse nachhaltig zu unterstützen. Möglich ist das längst: „Smart Care ist nichts Separates, wofür man völlig neue Technologien braucht“, erklärt Peter Kaiser, Geschäftsführer des deutschen Fachplanungsbüros KAISER-AMM TGA-Planung 4.0. „Die Grundlagen sind die gleichen wie in einem intelligenten Gebäude oder Smart Home. Wir könnten sofort mit der Umsetzung anfangen – es macht bislang nur kaum jemand.“ Die Betrachtung aus deutscher Perspektive zeigt: Auch wenn digitale Lösungen international verfügbar sind, entscheiden nationale Rahmenbedingungen über ihre Umsetzung und Verbreitung.

Vom Einzelprodukt zum vernetzten System

Der Markt für digitale Pflegehilfen wächst seit Jahren. Neue Notrufsysteme, Sensoren, Wearables oder Assistenzgeräte werden regelmäßig vorgestellt. Dennoch bleiben viele dieser Lösungen isolierte Anwendungen, die nebeneinander existieren, ohne miteinander zu kommunizieren.

Genau hier sieht Kaiser die zentrale Herausforderung. „Die Lösung ist nicht, Pflegekräften sieben verschiedene Apps an die Hand zu geben“, sagt er, „das ist ein Widerspruch in sich. Es muss so gelöst sein, dass alles ergonomisch in einer Lösung zusammengeführt wird.“

Für Pflegekräfte bedeutet jede zusätzliche Anwendung einen höheren Schulungs- und Bedienaufwand. Der Nutzen digitaler Technologien entsteht deshalb erst dann, wenn Informationen systemübergreifend verfügbar sind und unterschiedliche Funktionen über eine gemeinsame Plattform zusammenarbeiten.

AAL in der Praxis: Wenn das Gebäude mitdenkt

Foto: Albert Brunsting

Wie eine solche Vernetzung aussehen kann, zeigt das Sozialwerk St. Georg in Duisburg. Dort kommen Active-Assisted-Living-Technologien in Wohn- und Pflegeeinrichtungen zum Einsatz. Bewegungs-, Tür- und Bettsensoren erfassen sicherheits- und pflegerelevante Ereignisse und unterstützen Pflegekräfte im Alltag.

Der eigentliche Mehrwert liegt dabei nicht in den einzelnen Sensoren, sondern in ihrer Einbindung in die Infrastruktur des Gebäudes. Informationen werden zusammengeführt, ausgewertet und können bei Bedarf automatisch Aktionen auslösen oder Pflegepersonal informieren. Das System ermöglicht es beispielsweise, ungewöhnliche Bewegungsmuster zu erkennen oder auf kritische Situationen schneller zu reagieren.

Nach Ansicht von Kaiser wird das Potenzial solcher Technologien häufig unterschätzt. „Man muss sich überlegen, was ein Pflegebereich tatsächlich braucht, und das dann aus einem Guss planen“, sagt er. „Die Technik dafür gibt es längst.“

Vernetzte Pflegearchitektur statt isolierter Gebäudetechnik

Foto: AndreyPopov

Wie weit dieser Gedanke gehen kann, zeigt das französische Pflegeheim La Résidence La Roseraie. Dort sind Lichtsteuerung, Sicherheitssysteme und Komfortfunktionen in eine gemeinsame Systemarchitektur eingebunden.4

Das Gebäude reagiert dabei auf die Bedürfnisse der Bewohner und Bewohnerinnen. Sensoren erfassen beispielsweise Bewegungen und unterstützen dabei, nächtliche Wege sicherer zu gestalten. Gleichzeitig können Abläufe analysiert und Auffälligkeiten erkannt werden.

Für Kaiser liegt genau darin der Unterschied zwischen klassischer Gebäudetechnik und einem vernetzten Pflegegebäude. „Eine Einzellösung ist, wenn jeder Planer sein eigenes System installiert“, erklärt er. „Vernetzt wird es erst, wenn alle Komponenten auf einer gemeinsamen Infrastruktur arbeiten und Informationen austauschen können.“ Die Voraussetzung dafür entstehe bereits in der Planungsphase.

Robotik als Teil des Smart-Care-Ökosystems

Auch Robotik gewinnt in Pflegeeinrichtungen zunehmend an Bedeutung. Wer einen digitalen Rundgang in der Musterwohnung des Sozialwerk St. Georg macht, entdeckt das Modell Temi hinter der Tür. Der Roboter fährt dank eigener Navigation selbstständig zu definierten Orten der Einrichtung und könnte zum Beispiel Videobotschaften übermitteln.

Kaiser sieht zahlreiche Möglichkeiten, Roboter in vernetzte Pflegeumgebungen einzubinden. So könnten sie beispielsweise auf Informationen aus Sensoren reagieren, Kontrollgänge übernehmen oder mit der Gebäudetechnik interagieren: „Die Matte im Fußboden schlägt Alarm, weil jemand gestürzt ist“, beschreibt er ein mögliches Szenario. „Wenn die Pflegekraft gerade keine Zeit hat, könnte ein Roboter zunächst hinfahren und per Kamera die Situation überprüfen.“

Große Chancen, langsame Umsetzung

Trotz der vorhandenen technischen Möglichkeiten verläuft die Entwicklung in Deutschland bislang vergleichsweise langsam. Kaiser sieht dafür mehrere Gründe: fehlendes Wissen, mangelnde Aufklärung und eine oft zu geringe Berücksichtigung digitaler Konzepte in frühen Projektphasen. Gleichzeitig wächst der Handlungsdruck. Pflegeeinrichtungen stehen vor steigenden Kosten und einem zunehmenden Personalmangel. Genau hier sieht Kaiser die größte Chance vernetzter Technologien.

„Man muss sich anschauen, was Pflegekräfte jeden Tag tun, und überlegen, welche Aufgaben Technik übernehmen könnte“, sagt er. Ziel sei nicht, Menschen zu ersetzen, sondern sie von Tätigkeiten zu entlasten, die keinen direkten pflegerischen Mehrwert schaffen.

Das könne von automatisierten Bestellprozessen bis hin zu digitalen Assistenzsystemen reichen. Jede Aufgabe, die Pflegekräfte weniger mit Organisation und mehr mit den Menschen verbringen lässt, könne einen wichtigen Beitrag leisten.

Fazit: Konnektivität als Grundlage moderner Pflege

Foto: Fotolia

Smarte Technologien sind längst in der Pflege angekommen. Sensorik, Gebäudeautomation, digitale Assistenzsysteme und Robotik zeigen bereits heute konkrete Mehrwerte. Ihr volles Potenzial entfalten sie jedoch erst dann, wenn sie Teil eines vernetzten Gesamtsystems werden. Konnektivität wird damit zum zentralen Gestaltungsprinzip moderner Pflegearchitektur – als Verbindung von Gebäudetechnik, digitalen Systemen und pflegerischen Prozessen.

Oder wie Peter Kaiser es formuliert: „Wir brauchen jemanden, der diese Chancen erkennt, Verantwortung übernimmt und das Thema von Anfang an mitdenkt.“ Erst dann kann aus einzelnen Technologien eine vernetzte Pflegeumgebung entstehen, die den Herausforderungen der Zukunft gewachsen ist.

Interviewpartner/Experte

Peter Kaiser
Peter Kaiser, Geschäftsführer KAISER-AMM TGA-Planung 4.0 sowie öffentlich bestellter und vereidigter HOAI-Sachverständiger. Foto: KAISER-AMM TGA-Planung 4.0

Peter Kaiser ist Geschäftsführer der KAISER-AMM TGA-Planung 4.0 sowie öffentlich bestellter und vereidigter HOAI-Sachverständiger. Er verantwortet im Zentralverband der Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH) in Frankfurt am Main die Bereiche AAL und BIM. Für BIM ist er Mitglied in den entsprechenden Normengremien des DIN und Vorsitzender des Standardisierungskomitees DKE/K945 „Elektrotechnische Aspekte in BIM“ beim VDE/DKE, dem deutschen Leitgremium für die Einführung von BIM in der Elektrotechnik am Gebäude und damit bundesweit verantwortlich für die Einführung dieser neuen revolutionären Baumethode.

Für AAL war er viele Jahre der Vorsitzender des Standardisierungskomitees DKE/K801 „AAL“ beim VDE/DKE. Er gilt als einer der Vordenker der praktischen Umsetzung dieser Technologien in Deutschland und ist Autor des Leitbuches „Active Assisted Living“ (Hüthig). AAL und die Gruppe der Betroffenen liegen ihm sehr am Herzen, weil er viele Jahre Vorsitzender einer großen sozialen Einrichtung und stv. Leiter einer Rettungseinrichtung war. Außerdem war er Mitglied in Aufsichtsräten von Klinken und öffentlichen Vergabeausschüssen.

Silke Schröckert

Silke Schröckert

Freie Autorin für Building. Technology. Solutions.

Silke Schröckert geht beim Schreiben stets der Frage nach, mit welchen Erzählweisen sich Zukunftsthemen so vermitteln lassen, dass sie Menschen aller Generationen gleichermaßen erreichen.

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